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Dr. Peter Wölkchen

Dr. Peter Wölkchen ist 61 Jahre, hat Biologie und anschließend Mathematik studiert. Er sagte einmal, Zahlen machen ihn glücklich. Dr. Wölkchen trägt graue Anzüge und war noch nie unpünktlich an seiner Arbeitsstelle. Alle Menschen ohne Anzug hält er für Kommunisten und seinen Postboten traut er ebenfalls nicht über den Weg, er wolle ihn nur ausspionieren  – bestimmt arbeitet er heimlich für die Russen. Jeder Morgen beginnt nach einem genau durchstrukturierten Ablauf. 06:00 Uhr aufstehen, 06:05 Uhr Bad, 06:15 Uhr Kaffee anstellen und 06:23 Uhr zwei, mit Käse belegte, Scheiben Toast essen. Die Kaffeemaschine benötigt exakt 8 Minuten, so dass 06:30 Uhr das Frühstück beendet werden kann.

Danach widmete sich Dr. Wölkchen der wichtigsten Tätigkeit am Morgen, dem Ankleiden. Sein Motto: Bist du nicht korrekt gekleidet, dann gehe besser nicht aus dem Haus. Seine Vorstellungen von korrekter Kleidung bestehen aus schwarzen Schuhen, schwarzen Socken, aus einem grauen Anzug mit weißem Hemd und einer immer absolut präzise gestellten Uhr. Da er etwas Schwung in sein Leben bringen wollte, lies er seit zwei Tagen die Krawatte weg und kam sich dabei etwas verwegen vor. 06:50 Uhr war es wieder vollbaracht, die Kleider saßen perfekt. Er schaute auf die Uhr, 06:51 Uhr, seine Stirn runzelte sich, er war 01 Minute in Verzug. Das muss beim nochmaligen Binden der Schnürsenkel passiert sein, aber schließlich waren die Schleifchen nicht gleichmäßig.

Dr. Peter Wölkchen H.P.Schaarschmidt www.schaf-land.de

Der Tag konnte beginnen.

Mit der Aktentasche unter dem linken Arm und dem Schlüssel in der rechten Hand trat er voller Weltvertrauen vor die Tür. Die Sonne blinzelte ihn ein wenig entgegen und wies ihm den Weg zu seinem Auto. Es war kein gewöhnliches Auto, sondern ein Mercedes, der ihn bereits seit 28 Jahren zuverlässig transportierte. Veränderungen seien nicht gut, hat er schon oft gesagt, sie bringen Unruhe. Seine EX- Frau muss wohl anderer Meinung gewesen sein, denn vor 14 Jahren reichte sie die Scheidung ein. Seitdem lebte Dr. Peter Wölkchen allein, mit seinem Mercedes und den 2 ½ Zimmerpflanzen. Er drehte den Zündschlüssel und sein Liebling schnurrte wie ein Kätzchen. Dass die Stoßdämpfer völlig außer Kontrolle waren und der Wagen bei jedem Schlagloch wie ein Wasserbett wippte, bemerkte er natürlich nicht, denn sein Auto war perfekt und eine Reparatur würde nur Unruhe in seinen Tagesablauf bringen. Die alte ehrwürdige Karosse hatte wie jeden Tag um diese Zeit das gleiche Ziel, dass Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz. Er war zwar kein Chemiker, aber ein Künstler mit Zahlen und da ging es um gewaltig viele Zahlen. Zum Beispiel wurden die ältesten Lebensspuren auf der Erde auf: vor 3,8 Milliarden Jahre datiert, die ersten vielzelligen Meerestiere auf: vor 700 Millionen Jahren, die ersten Landpflanzen auf: vor 436 Millionen Jahren, die ersten Reptilien auf: vor 290 Millionen Jahren und die ersten sogenannten Vormenschen konnten: vor 5 Millionen Jahren eingeordnet werden.

…und der moderne Mensch erst seit lächerlichen 35 Tausend Jahren.

Genau das war seine Arbeit, mit Zahlen jonglieren, ins Verhältnis setzen, beurteilen und erneut berechnen. Das war die Welt von Dr. Peter Wölkchen. Das Leben selbst hinter diesen Zahlen interessierte ihn so viel wie die Watt-Zahl der Glühbirne in seinem Kühlschrank. Die er, nebenbei bemerk, gleich nach dem Kauf entfernt hatte, denn nach seiner Ansicht, braucht man im Kühlmöbel kein Licht. Exakt um 07:13 Uhr hielt er vor dem Geschäft des „Schlachter Sanftmut“ an. „Guten Morgen Herr Doktor, hier wie immer ihre frisch belegten zwei Brötchen, für das zweite Frühstück, gut gewürztes Mett aus frischer Schlachtung.“, sagte dieser. Mit einem wohlwollenden Nicken nahm er sein zweites Frühstück entgegen, drehte sich wortlos um und verließ in eiligen Schritten das Fleisch-Haus.

Dieser Tag meinte es wieder gut mit ihm, denn alles war perfekt. Die Zeit stimmte, das Auto schnurrte, die Kleidung war unübertroffen und wieder stand eine zeitliche Punktlandung im Institut bevor. Andere konnten ihre Uhr nach ihm stellen. Er war der Fels in der sonst so bröckelnden Brandung der Zuverlässigkeit. Wie im Traum glitt er elfengleich mit seinem Auto über den Boden und dachte bereits an all die wundervollen Zahlen: 570 Millionen Jahre, 436 Millionen Jahre, 250 Millionen Jahre, 65 Millionen Jahre. Alles erforschte Angaben zu globalem Massenaussterben auf der Erde.

Er machte ein zufriedenes Gesicht, denn Dr. Wölkchen wusste ganz genau, wie dieser Tag beginnen, verlaufen und enden würde. 07:45 Uhr passierte er den Pförtner, dieser schaute auf seine Uhr und nickte ihm wohlwollen zu. 07:48 Uhr stellte er seinen geliebten Gefährten (seinen Mercedes), ab. 07:50 Uhr betrat er das Eingangstor zu seinem Institut und Punkt 07:55 Uhr steckte Dr. Peter Wölkchen seine Stempelkarte in die Uhr. Sie machte ein ächzendes Geräusch und die Arbeit konnte beginnen. All das sah er bereits deutlich vor sich. Denn es war das exakte Drehbuch für jeden Tag, im Leben des Doktor Wölkchen. Nur noch wenige Straßen und Kreuzungen, dann begrüßen mich wieder meine geliebten Zahlen., dachte er. „Was gehen mich die Griechlinge und sonderbaren Spezies dahinter an, sie verderben nur meine Statistiken.“ Während er auf eine Kreuzung zufuhr, kroch ein leises Summen in seine Ohren, was sich immer tiefer bohrte und bis in seine mit Zahlen gefüllten inneren Windungen vordrang. Aus dem Summen wurde ein Rauschen und aus dem Rauschen ein Geflüster. Peter Wölkchen fuhr rechts ran.

„Was um Himmels Willen ist in meinem Kopf los?
Werde ich jetzt verrückt?
Genies soll das ja öfters ereilen.
Bin ich ein Genie?“  
Er dachte kurz nach, „…natürlich bin ich ein Genie.“

Die Stimmen wurden immer lauter, aber irgendwie hörten sie sich komisch und nicht menschlich an.
Er schüttelte mit aller Wucht den Kopf, schlug mit seiner Hand gegen die Stirn und wollte diesen Alptraum irgendwie abschütteln. Aber das Ergebnis war, es wurde immer lauter, immer greller und immer besitzergreifender. Nein, nein, nein hörte er immer wieder und herzzerreisend erbärmliche Schreie.
Ich bin ein Genie und werde jetzt verrückt“, sagt er zu seinem Auto. „Was zum Teufel ist da los? Mein Kopf explodiert. Arme und Beine fingen an zu schmerzen. Blut rann ihm plötzlich aus Nase, Ohren und Mund. Was ist hier los? Langsam setzte sein hochgerühmtes logisches Denken aus. Blut, Schmerzen und diverse andere Flüssigkeiten übernahmen die Regie. Plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen und ein unerträglicher Schmerz bohrte sich durch seine Arme. Er hatte das Gefühl, als ob sich eine Kettensäge durch seine Innereien bohrte. Verschwommen, wie in einem Wahn, sah er, wie sein Blut in ein Auffangbecken floss und da von einem schmierigen Kerl mit gelben Gummistiefeln und einer Zigarette im Mundwinke umgerührt wurde. Die Zigarette sollte vermutlich die unzähligen Fliegen verscheuchen und den mörderischen Gestank überdecken.

Ich bin nicht nur verrückt geworden, ich bin in der Hölle.

Nein mein Sohn, du bist nicht in der Hölle, aber auch nicht im Himmel- noch nicht. Peter Wölkchen starrte mir weit aufgerissenen Augen auf einen Mann, der mit seinem leuchtend weißen Gewand vor ihm stand und mit tiefer, aber liebevoller Stimme zu ihm sprach. „Mein Sohn, ich heiße dich willkommen, nun beginnen deine Prüfungen. Möge das Licht mit dir sein.“

Moment, Moment, was soll das alles, ist das ein Scherz? Wenn ja, werde ich euch verklagen und ins Gefängnis bringen. Ich muss pünktlich im Institut sein.

Ich bin Heimdall, ich bin der Wächter und kontrolliere den Zugang zu unserem Reich. Ja mich gibt es wirklich, ihr habt nur nicht mehr an uns geglaubt. Wir sind eine sehr alte Zivilisation und kümmern uns um euch. Ihr seid wie kleine dumme Kinder und habt, bei unserem Erscheinen, Götter zu uns gesagt. Ich bereite dich nun auf deine Prüfungen vor. Du hattest einen Autounfall und bist mit einem Schweine-Transporter zusammengestoßen. Hunderte Schweine mussten auf der Straße notgeschlachtet werden und du lagst mittendrin. Entweder du hast ein gefälliges Leben geführt und kommst in das Reich Asgard, von Euch Menschen Himmel genannt, oder in die Höhlen des Fenri, ihr sagt Hölle dazu. Ich zeige dir nur den Weg, den Weg in deine Ewigkeit. Gehen musst du allein.

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Nein, nein, nein, das kann nicht sein. Ich muss pünktlich auf Arbeit erscheinen. Ich bin noch nie zu spät gekommen. Lass also diesen Unsinn und zeig mir gefälligst den Ausgang, schimpfte er. Lieber Peter Wölkchen, hier sind alle freundlich und wollen dich nur vorbereiten., bekam er als Antwort. Alle freundlich?, sagte Wölkchen verächtlich. „Wirklich alle nur freundlich? Die alle sind bestimmt nur genau so dämlich wie du.

„Du wirst deine Lage schon noch begreifen.“

„Hier gibt es nur einen einzigen Weg und genau diesen wirst du, wie jeder Mensch auf der Erde am Ende gehen. Euer Tod ist nicht das Ende, sonder der Anfang einer sehr langen Reise. Entweder endet er für immer und Ewig in den Höhlen von Fenri oder, wenn ihr rein seid, im Reich Asgard. Das entscheiden aber nicht wir. Auf dieser Reise gibt es unzählig Stationen und an jeder Station wartet ein Tier auf euch. Ein Tier das irgendwann im Leben euren Weg gekreuzt hat. Ameisen, Spinnen, Hunde, Katzen, Schafe, Rinder, Pferde, Vögel. Alle wirst du wiedertreffen und an jeder einzelnen Station entscheidet eines dieser Tiere, ob du weiter darfst oder nicht. Warst du schlecht zu ihm, verweigert es dir die Weiterreise und du gehst sofort in die Höhlen des Fenri, wenn ja, bist du wieder einen kleinen Schritt weiter und dem Reich Asgard etwas näher, bis zur nächsten Station. Deine Reise dauert viele Jahre und dabei wirst Du hunderten Tieren wiederbegegnen. Sei demütig und bescheiden.

Die Tiere richten über deine Ewigkeit.“

Ich rufe die Polizei und bringe euch Spinner alle hinter Schloss und Riegel. Ich bin Dr. Peter Wölkchen, ein angesehener Wissenschaftler. Ich weiß ja nicht wo ihr ausgebrochen seid und welches Lösegeld ihr verlangen wollt aber eure dämlichen Tiere sind mir ebenso egal wie euer Asgard.

Mein Sohn, ich sehe du hast einen schweren Weg vor dir, aber unendlich viel Zeit,
über dein Verhalten nachzudenken.

Meine Arbeit ist getan, deine Reise kann beginnen.“

Dr. Peter Wölkchen H.P.Schaarschmidt www.schaf-land.de http://www.schaf-land.de

Seine Reise dauerte nicht viele Jahre, sondern nur wenige Tage, denn schon an der ersten Station war das Wiedersehen ein Desaster. Dr. Peter Wölkchen traf auf jene Katze, die er angefahren vor seinem Haus gefunden und dann in den Mülleimer geworfen hatte. Seine Reise war zu ENDE, denn die Katze ließ ihn nicht vorbei. Wie von Geisterhand bewegte er sich plötzlich auf einen tiefen Schlund zu, seinem neuen Zuhause.


Behandle deine Tiere so, dass du im nächsten Leben ohne Probleme
mit vertauschten Rollen klar kommen würdest.
Zitat von Pascal Lachmeier

Außer Kontrolle

Mach die Augen zu und lass dich treiben,
spüre nur den Wind und die Unendlichkeit.

Mach einfach nur die Augen zu und tauche ein,
lass alle Sinne dich begleiten und ihre Stimmen laut schreien.

H.P.Schaarschmidt

Auweia, wann haben wir das mal gemacht? Eingefangen in einem Hamsterrad und immer auf der Jagd nach Anerkennung. Da Ist für solch unnützes Treiben doch keine Zeit. Dabei schreit es uns fast jeden Tag an: Rede mit mir, mach die Augen zu und lass dich einen Moment lang treiben.

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Außer Kontrolle H.P.Schaarschmidt http://www.schaf-land.de

Eigentlich habe ich ziemlich viel Glück, denn meine Tiere halten mich am Boden und schenken mir jeden Tag Liebe und Vertrauen. Natürlich ist dies etwas ganz anderes, aber es macht auch glücklich und die Arbeit mit Tieren schenkt innere Ruhe, zumindest geht es mir so. Was ist aber mit den Menschen? Wie kommt es z.B., dass uns manche fast magisch anziehen, während wir andere spontan ablehnen? Liegt es an dem oft zitierten Bauchgefühl, oder ist dies purer Unfug? Ich kann nur für mich sprechen. Da gibt es in meinem Leben eine Erkenntnis, die mich verändert hat. Nichts passiert einfach so, sondern folgt Ursache und Wirkung. Das Zusammenleben mit Tieren verändert uns Zweibeiner, denn sie haben eine starke Wirkung auf uns. William James, Psychologe der Harvard-Universität, wies bereits 1884 nach, dass Umwelteinflüsse unmittelbare körperliche Reaktionen auslösen und sich auch auf unsere Psyche auswirken.

Kümmern wir uns z.B. um ein Mutter-Schaf und begleiten die Geburt, so hat dies direkte und nachhaltige Wirkung auf unser ICH. Die Tiere verändern uns… – nicht wir sie.
Von irren Züchtungen mal abgesehen, sind sie unverzichtbar, sie sind unser Leben. Abgestumpfte Stadt-Menschen werden diesem Gedanken vielleicht schwer folgen können, aber seid versichert:  Auch ihr seid nur ein kleiner Teil des GANZEN und nicht die Krönung im Universum.
Es kommt aber noch dicker, denn Ferdinand Vogel und seine Mitarbeiter an der Universität Heidelberg ist es gelungen nachzuweisen, dass unsere seelische Verfassung sogar durch Vererbung stark beeinflusst wird. Es ist nicht schon genug, dass wir von 90% gesteuert werden, auf die wir keinen Einfluss haben, unserem Unterbewusstsein, nun werden wir auch noch von einem genetisch vererbten seelischen Zustand geleitet.

Einfache Frage: Was entscheiden wir eigentlich tatsächlich noch selbst?

Einfache Antwort: Wenig

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DAGOBERT /Arno Funke http://www.schaf-land.de
Außer Kontrolle H.P.Schaarschmidt

Vor einigen Jahren hatte ich die Gelegenheit, mich mit dem spektakulärsten Kaufhaus-Erpresser aller Zeiten- Dagobert– (Arno Funke) zu unterhalten. Er hat übrigens im Berliner Polizei Museum, für die spektakulärsten Kriminalfälle, eine eigene Abteilung. Dieser kriminelle Pfiffikus hatte während seiner jahrelangen Haft genügend Zeit, genau über dieses Thema nachzudenken. Er kam zu dem Schluss, dass unser Rechts-System zusammenbrechen würde, wenn wir unsere 90% Unbeeinflussbarkeit mit beurteilen würden.   …Denn, wer sollte zur Verantwortung gezogen werden? Das Unterbewusstsein? Der genetisch beeinflusste seelische Zustand?

Wie einfach haben wir Schafzüchter es doch da, wenn wir die Reaktionen unserer Herde lesen, klar verteilte Rollen, einfache Hierarchie und alle Reaktionen sind in jedem Moment live und echt. Wie kompliziert erscheint da doch unser Zweibeiner-Leben?! Nein, nein, ich möchte mich nicht über die Zweibeiner beschweren, es gab und gibt auch einige, die finde ich mehr als nur bemerkenswert. Hast du eine positive Lebenseinstellung, so findest du in der Regel auch häufig Menschen, die ähnlich positiv denken. Bist du meist mies drauf, begegnest du auch nur missmutigen Menschen. Bei meinen Schafen ist das etwas einfacher geregelt. Bei der Position in der Hierarchie spielen vor allem zwei Dinge eine große Rolle, Alter und mentale Stärke. Ja genau, auch bei den Tieren spielt die Persönlichkeit eine große Rolle und auch bei den Tieren wird diese vererbt. Als eines morgens, völlig unerwartet, meine uneingeschränkte Rudel- Herden- Führerin tot war, übernahm – ohne Diskussion- ihre stattliche Tochter das Zepter. Das geistige Innenleben wird also auch hier nachweislich weitergegeben.

Außer Kontrolle   H.P.Schaarschmidt   www.schaf-land.de
Ingrid Stottmann
http://www.schaf-land.de Außer Kontrolle H.P.Schaarschmidt

Wir wollen alles wissen, verstehen und vor allem immer kontrollieren, aber eine von mir sehr geschätzte Freundin, Ingrid Stottmann hat einmal gesagt: Du musst dich davon verabschieden, immer alles unter Kontrolle haben zu wollen. Das sagte sie, als wir intensiv mit unseren Border Collies trainierten und ich noch auf Wettkämpfen startete. Heute geht es in erster Linie um die Arbeit an meiner Schaf-Herde. Genau in diesem Umfeld kann ich, wenn auch nur gelegentlich, meine Augen schließen, um nur den Wind und die Unendlichkeit zu spüren- wundervolle Momente.

Was habe ich eigentlich meinen Tieren voraus? Als Erstes fallen mir Ratio und Sensus ein und dass wir die Gewinner eines Großhirns sind, doch bei allen angeblichen Errungenschaften, ein Teil der Natur- sind wir Zweibeiner schon lange nicht mehr. Wir kontrollieren unsere eigene Welt, in jedem Fall versuchen wir es und gehen dabei zahllose Irrwege. Den Wind und die Unendlichkeit zu spüren, das haben die meisten von uns doch längst verlernt.

Das müssen wir ändern.


Mach die Augen zu und lass dich treiben,
spüre nur den Wind und die Unendlichkeit.

Energie-Verschwendung

Ich bin Schafzüchter und was machen Liebhaber stark behaarter Damen? Sie denken über wichtige Fragen nach. Als ich kürzlich meine ersten Lämmer betrachtete und ganz gedankenversunken über den Sinn des Lebens nachdachte, schoss mir plötzlich eine alles entscheidende Frage durch den Kopf:

Wenn man zufällig irgendeine Telefonnummer wählen würde und Gesundheit sagt, wie hoch wäre die Wahrscheinlichkeit, dass der Angerufene gerade niest?

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Diese alles entscheidende Frage ist sehr schwer und verändert das Leben eines jeden Schafzüchters. Während meine Lämmer gemütlich im Futter liegen und Mama rücksichtsvoll drumherum frisst, beginne ich zu rechnen. Lt. Statistik niest ein Mensch im Durchschnitt ca. 250-mal pro Jahr, Dazu gibt es mehrere wichtige Studien, die sogar von spektakulären 400 Niesausbrüchen pro Jahr ausgehen, aber das ist vermutlich nur Panik-Mache und soll die Bevölkerung nur verunsichern. Dieser Katastrophenfall ist eher unwahrscheinlich. Bleiben wir also bei unseren streng wissenschaftlichen Studien von  ca., eventuell und möglichen 250.

Bei diesen wichtigen Recherchen bin ich auf eine noch wichtigere Erkenntnis gestoßen. Die Suchmaschine Google registrierte  rund 6.000 Suchanfragen zu dem Thema Niesen. Wenn nur die Hälfte dieser wichtigen Anfragen aus den USA kommt und jede Anfrage durchschnittlich 4 Autoren hat, erwischt man bei einem Zufallsanruf mit einer Wahrscheinlichkeit  von etwa, ca., vermutlich
1 : 10 000 000  jemanden, der genau an diesem Tag eine Suchanfrage gestellt hat.

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Ich betrachtete noch immer meine Lämmer und während die Synapsen in meinem Obergeschoss schon deutlich über ihre Leistungsfähigkeit arbeiteten, schoss mir ein weiterer wichtiger Fakt durch die überlastete Schaltzentrale: Wenn eine fremde Person den gleichen weltveränderten Versuch macht und ebenfalls in diesem Moment eine zufällig Telefonnummer wählt um Gesundheit zu wünschen, so besteht die wissenschaftlich fundierte Chance 1 : 10 000 000 000 000, dass wir uns im gleichen Moment gegenseitig anrufen.

An diesem Punkt wurde mir ganz schwindelig, meine Schaltzentrale stellte auf Notstrom und ich erhielt die unmissverständliche Mitteilung:  Du verschwendest meine Energie. Beschäftige dich mit den Lämmern, sonst schalte ich mich ab. Von da an, habe ich nie wieder über so hoch wissenschaftliche Fragen nachgedacht, sondern mich nur noch um die Realität gekümmert. 

…ich sah auf meine Lämmer und sie waren wunderbar.

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Wenn der Sensenmann an der Tür klopft

Wenn der Sensenmann an der Tür klopft, passieren Dinge, die wir alle nicht wollen, aber dieser Dunkle Geselle bekommt letzten Endes immer was er will.

Es ist Anfang Februar, aber der Wettermacher weiß es nicht, denn wir haben 14 Grad Celsius und Winter, Schnee, oder gar der Einzug von Väterchen Frost ist nicht in Aussicht. Man könnte sich zwar Gedanken machen, ob diese Temperaturen noch ganz normal sind, aber da springt mir sofort die Frage mitten ins Gesicht: Was ist normal? Also verbanne ich ganz schnell alle Fragen und finde es einfach GUT. An diesem sommerlichen Wintertag war ich bei einem Freund in Hannover und habe mit ihm nicht nur über wichtige Männer-Themen gesprochen, sondern auch im Garten gegrillt.

Wenn der Sensenmann an der Tür klopft /H.P.Schaarschmidt

Wenn der Sensenmann an der Tür klopft /H.P.Schaarschmidt

Es kommt bei mir selten genug vor, dass ich samstags mal nichts zu tun habe, aber wenn, dann macht es einen riesen Spaß. Es war also ein toller Relaxtag und ich ahnte noch nicht einmal im Ansatz, was für eine bösartige Lawine bereits zu mir unterwegs war.

Frühlinghaftes Winterwetter, gute Laune und ein toller Nachmittag mit Freunden, was kann es schöneres geben?! Beim Abschied umarmten wir uns und sprachen schon von einem nächsten Treffen. Das Leben kann so großartig sein. Fröhlich gelaunt und mit Vorfreude auf meine Tiere zu Hause, stieg ich ins Auto.

Auch das Radio machte mir große Freude, denn es präsentierte einen Hit nach dem andren. Auch das  Auto hörte sich wie Musik an und schnurrte wie ein Kätzchen. Ich musste nur kurz auf die A2, denn schon an der zweiten Abfahrt ging es auf die B6 Richtung Nienburg weiter.

Die Autobahn war nur mäßig mit Reisenden belegt. Ich rollte entspannt über den Asphalt und auch sonst war alles toll. Mehr als nur entspannt saß ich in den bequemen Sitzen, träumte vor mich hin und summte fast jedes Lied aus dem Radio mit. Dieser Tag könnte ewig dauern.

Plötzliche explodierte mit einem ohrenbetäubenden Knall der Innenraum meines Autos. Um mich herum war alles weiß und ich verlor die Orientierung. Ob dieser Moment eine Sekunde oder eine Woche gedauert hat, ich könnte es nicht sagen. Ich sah nicht einmal die Hand vor Augen, hatte aber keine Schmerzen, sah nichts und ich hörte nichts. Ich konnte nicht nachdenken und war einfach nur da. Es zog auch nicht mein ganzes Leben vorüber, sondern es war einfach nur NICHTS. Alles war bedeutungslos und bisher Gewesenes existierte nicht.

War ich Tod?

Dann roch es verbrannt und ein Schmerz schoss im meine Beine. Ich war aber noch immer in ein weißes Etwas gehüllt und versuchte zu erkunden, ob ich lebe oder schon tod war. Dann sprangen meine Synapsen wieder an zum Dienst und meldeten: Tode spüren keinen Schmerz. Die kleinen Kollegen hatten Recht, also lebe ich. Während meine Kommandozentrale wieder Kontakt zu den einzelnen Körperteilen herstellte, lichtete sich plötzlich dieses weiße Etwas vor mir. Um Himmels Willen, was ist das? Zwischen Blech, Glassplitter und einem üblen Geruch nach verschmortem Kunststoff, versuchte ich noch immer herauszufinden, wo ich war oder was da eigentlich explodiert sein könnte.

Nachdem vor mir Räder erschienen, stellte ich fest, dass ich mich unter einem LKW befand. Um Gottes Willen, wie konnte das passieren? Ich war weder zu schnell noch auf einen LKW aufgefahren. Oder doch? Da stand ich nun, mit einem Geruch wie aus der Hölle, mit grauen Zellen, die diverse Schwierigkeiten zeigten und mit der Unterseite eines LKWs, von der ich nicht wusste, wie ich zu diesem Anblick gekommen war.  Der Kopf war also an seiner dafür vorgesehenen Stelle und meine diversen Gliedmaßen schienen ebenfalls noch funktionstüchtig zu sein, also stieg ich aus. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, aber es muss mir leicht gefallen sein, da die Tür fehlte.

Wenn der Sensenmann an der Tür klopft /H.P.Schaarschmidt

Wenn der Sensenmann an der Tür klopft /H.P.Schaarschmidt

Ich stand vor einem LKW und mein Auto steckte tatsächlich darunter. Ob ich eine Sekunde oder eine Stunde versucht habe diesen Anblick zu verstehen, in jedem Fall sprach mich dann ein Polizist an. Sind sie verletzt?  Danach folgte ein regelrechter Menschenauflauf. Polizisten, Rettungssanitäter, nochmal Polizei und nach einer gewissen Zeit der Abschleppwagen des ADAC. Im Nachhinein betrachtet, lief dieser Alptraum ziemlich planvoll ab. Die Polizisten wirkten beruhigend auf mich ein  und die Rettungshelfer unglaublich fürsorglich. Eine gut geschmierte Maschine,  die jeden Tag eine Katastrophe nach der anderen professionell abarbeitet. Mein ganz persönlicher Alptraum ist also kein Einzelfall, sondern nur eine weitere Bekanntschaft mit der Dunklen Seite. Der Mann in schwarz ist immer für eine Überraschung bereit und hat zuweilen Ideen, denen wir Kleingeister so gut wie nie folgen können. Mittlerweile hatte sich ein Engel in Position gebracht, ein Gelber Engel. Kurze höfliche Begrüßung, Austausch der ADAC Karte und schon schwebte mein Häufchen Elend durch die Luft. Er landete ganz weich auf einem riesen Transporter, aber sein Anblick war mehr als nur mitleiderregend.
Alles verstaut, ich auf dem Beifahrersitz und ab ging es, meinen bedauernswertes Metall Häufchen Richtung Heimat zu transportieren. Engel Steffan war nicht gerade ein Alleinunterhalter, hatte aber eine bestimmende und verlässliche Ausstrahlung. Er war ca. 1,80m groß, kurzer Militärschnitt, und deutlich bemuskelt. Seine Erscheinung war aber nicht die eines Muskelmenschen, der jede Minute  seiner Zeit im Fitnessstudio zubringt, sondern eher die eines super durchtrainierten Athleten. Das machte mich neugierig.  Sind sie schon lange beim ADAC?

Die Antwort ließ lange auf sich warten, doch dann die trockene Antwort.
Zwei Jahre.

Was haben sie vorher gemacht?
Ich war bei der Bundeswehr.

Darf ich fragen was sie gemacht haben?
Ich war Scharfschütze bei einer Sondereinheit.

Wow, Scharfschütze ist ja auch nicht gerade ein Job wie jeder andre.
Stimmt

Was macht man so als Scharfschütze? Wieder eine lange Pause.
Zuletzt war ich in Kriegseinsätzen. Darüber möchte ich aber nicht sprechen, denn ich habe Bilder im Kopf, die ich nie wieder los werde.

Steffan erzählt mir dann doch noch Einiges, das ich aber für mich behalten möchte.

Danach war wieder Stillschweigen, bis wir zu Hause angekommen waren und das verbogene Etwas zügig abgeladen hatten. Wir verabschiedeten uns und ich sah noch lange dem abfahrenden Transporter hinterher. Die Erzählungen haben mich tief beeindruckt. In dieser Nacht konnte ich keine einzige Minute schlafen und es lag nicht nur daran, dass vor meiner Garage ein echtes Häufchen Elend stand. Der Unfall hätte auch ganz anders ausgehen können…

Wenn der Sensenmann an der Tür klopft, stehen wir meist vor der Schlussrechnung. Doch diesmal war sie bei mir noch nicht fällig. Er hatte nur mal einen Blick auf mich geworfen.

Wenn der Sensenmann an der Tür klopft /H.P.Schaarschmidt

Wenn der Sensenmann an der Tür klopft /H.P.Schaarschmidt

 

 

 

 

Helden für einen Tag

Jack treibt in über 600 m Entfernung die fünfköpfige Schafgruppe präzise durch den vorbestimmten Parcours und man kann gar nicht anders, als mit aufgerissenen Augen dieses Treiben zu bestaunen. Sind da übernatürliche Kräfte am Werk und warum kann das mein so süßer Mischling Rudi nicht? Der Wunder-Hund führt noch immer sämtliche Pfeifkommandos perfekt aus, was bei fast allen Zuschauern am Rande des Trial Feldes ein schlechtes Gewissen aufkommen lässt: Meiner könnte das bestimmt auch, ich habe nur keine Zeit.

Ist schon klar.

Schaf-Land

Schaf-Land

Das, was diese Hunde auf dem Wettkampffeld vollbringen, muss nicht jeder Hund können, denn jeder Vierbeiner hat seine eigene Bestimmung. Die Bestimmung der Border Collies ist eben die Arbeit an Schafen. Nur mal zur Vervollständigung, die Wettkampfbedingungen haben meist wenig mit der tatsächlichen Arbeit an einer Herde von 1.600 bewollten Damen zu tun. Natürlich leugnen das fast alle Wettkampfteilnehmer, aber dann erkläre mir doch bitte jemand, weshalb so gut wie kein aktiver, ausgebildeter Berufsschäfer oder gar Schäfermeister teilnimmt?! Was aber die grandiosen Leistungen auf dem Wettkampffeld nicht kleiner machen. Es ist ein Wettkampf und das beste Team erstreitet die begehrten Punkte.

Jack hat inzwischen alle Aufgaben mit Bravur abgearbeitet und ist bei der letzten Prüfung angelangt, dem Einpferchen. Super, auch das wäre geschafft. Toll, dass müssen die andern Punktejäger erst mal nachmachen oder übertreffen. Die berühmte Latte liegt nun ziemlich hoch. Ein Team nach dem anderen schreitet zum Startpfosten, gibt sein Bestes und kämpft um Qualifikationspunkte.

Alle Zuschauer sind beeindruckt, die Starter ärgern sich über Fehler, nur für die Hunde ist es ein Tag wie jeder andere. Sie geben ihr Bestes. Noch während sich die letzten Starter auf ihren Wettstreit vorbereiten,  muss ich plötzlich an meine befreundete Schäfermeisterin Kerstin Doppelstein denken. Wir kennen uns gut. Sie liebt Tiere und die Arbeit mit ihnen über alles.

Helden für einen Tag - Schäfermeisterin Kerstin Doppelstein Schaf-Land

Helden für einen Tag – Schäfermeisterin Kerstin Doppelstein Schaf-Land

Doch weshalb käme sie nie auf den Gedanken von Schäferhunden auf Border Collies umzusteigen, sie perfekt auszubilden und an diesen Trials teil zu nehmen? Eigentlich sollte ihr das doch auch Spaß machen!? Unter den Startern findet man aber meist Tierärzte, Polizisten oder Angestellte, die zu Hause 20- 30 Schafe halten und ihre ganze Energie in die Perfektionierung der vierbeinigen Zauberlehrlinge stecken.

Helden für einen Tag - Schäfermeisterin Kerstin Doppelstein Schaf-Land

Helden für einen Tag – Schäfermeisterin Kerstin Doppelstein Schaf-Land

Bei Kerstin, mit ihren über 1.200 Mutter Schafen, einer Bison Herde, einer Yak Herde, Hühnern, unzähligen Hasen und 10 Schäferhunden, sieht die Welt schon etwas anders aus. Das ist die echte Welt der Farmer und Schafzüchter. Ich habe mit Kerstin gearbeitet und muss voller Respekt sagen: „Hut ab- mit tiefer Verbeugung“. Das, was sie täglich leistet, grenzt für mich schon fast an ein Wunder.  Und die Hunde, wie arbeiten die Hunde dieses zweibeinigen Perpetuum Mobiles? Ich bekomme noch heute Gänsehaut, wenn ich an die tägliche Arbeit denke. Ohne die fantastischen Leistungen der Trial Hunde auf dem Wettkampffeld schmälern zu wollen…, kommen mir diese außergewöhnlichen Leistungen auf dem Trial-Feld wie ein Hobby vor.

Arbeitet nur eine Woche mit einem Berufsschäfer, an seiner Herde, dann könnt ihr vielleicht erahnen was ich meine. Am Abend werdet ihr zugeben: Sie waren heute Helden, für einen Tag. Nur das wir nicht sehen, dass dieser Tag wie jeder andere ist.

Was sind wir doch bequem, satt und faul geworden. Haben wir unsere Ideale, Naturverbundenheit und Begeisterung schon völlig verloren? Seien wir fair, nicht jeder kann sich intensiv mit Tieren beschäftigen und schon gar nicht halten. Was aber nicht den Blick auf unsere Wurzeln verdecken darf, denn wir sind was wir sind: Eine junge, kriegerische Spezies, die noch immer in ihren ursprünglichen Veranlagungen und Trieben gefangen ist, es aber aus Arroganz und Überheblichkeit verleugnet. Dumme Angewohnheit.

Helden für einen Tag - Schäfermeisterin Kerstin Doppelstein Schaf-Land

Helden für einen Tag – Schäfermeisterin Kerstin Doppelstein Schaf-Land

Warum sehen Menschen wie Kerstin Doppelstein die Welt anders als die meisten von uns? Allein darüber könnte man vermutlich eine Doktor Arbeit schreiben. Unsere letzten Helden kommen nicht aus der griechischen Mythologie und schon gar nicht aus kriegerischen Aktionen fürs Vaterland, sondern aus unserem Alltag. Jedes Mal wenn der Tag zur Neige geht, gibt es Zwei- und Vierbeiner, die auch an diesem Tag wieder Unglaubliches vollbracht haben.

Was macht aber Menschen wie Kerstin Doppelstein nun wirklich zu Helden unseres Alltags?

Kerstin ist ein Extremist, verfolgt fast rücksichtslos ihren Weg und nimmt bewusst große persönliche Einschränkungen in Kauf. Genau aus diesem Stoff werden Helden gemacht. Helden die uns als Vorbild dienen, auch wenn wir sie nie erreichen. Ein Vorbild an Willensstärke, Durchhaltevermögen und Idealismus. Kerstin, dir und vielen anderen… – danke!

Ihr wart auch heute wieder:  Helden für einen Tag.

-und morgen und übermorgen und überübermorgen…

 

 

Der Klang des Lebens

Heute habe ich den Klang des Lebens gehört und für einen Augenblick hatte ich alle Zeit der Welt. Alle Zeit? Ja, alle Zeit,  denn in diesem Moment war ich mit Allem vereint und Zeit war in diesem Moment das, was sie tatsächlich ist  – nichts. Die ärgerliche Zeit haben wir Zweibeiner, die Krönung der Schöpfung, erfunden. Warum?  Weil Angst unser Leben bestimmt,  nicht das Leben. Ich hoffe, alle können diesen leicht verstörenden Wort- Bild- Fetzen folgen. Falls nicht,  lest einfach weiter und vielleicht könnt ihr dann erahnen, was ich meine.

Eigentlich hatte dieser Tag ziemlich mies angefangen, denn ich war zwar wach, aber mein verdammter Glücksbringer noch nicht. Was macht man also, wenn einem der Tag schon am Morgen so richtig vors Schienbein schlägt? Man macht einfach weiter und tut so, als müsste das genauso sein. In Wirklichkeit finde ich den Macher des Tages ziemlich unsympathisch. An diesem Morgen war er entweder nicht bei Sinnen, oder schlicht und ergreifend doof. Der Himmel hatte weit die Schleusen geöffnet und zeigte, zu was er an diesem doofen Morgen alles im Stande ist. Na toll, dachte ich, die Gummi-Pelle kommt wieder zum Einsatz. Ziemlich nützlich das Zeug, hässlich aber brauchbar. Ich trete in der Gummi-Rüstung aus der Tür. Habe ich die zweite Sintflut verschlafen? Teilt sich jetzt gleich das Wasser, so dass ich trockenen Fußes hindurch gehen kann? Gefühlt schlug mir da gerade ein ganzes Meer entgegen und ich war ein Kapitän auf hoher See, aber ohne Schiff. Noch während meine missmutigen Blicke über dieses Elend streiften, beruhigte sich das Meer. Teilt es sich jetzt doch, oder bin ich nur im Auge der Hurrikans? Fast schlagartig zogen sich die Wassermassen zurück und der Himmel hatte ein Einsehen. Wer auch immer da oben die Geschäfte führt und den Plan geschrieben hat. Danke.

Morgenstund hat Gold im Mund. So ein Quatsch. Ich muss sehen, dass ich auf dem Weg zur Garage nicht ertrinke. Geschafft, Hunde im Auto und ich bereit für ein feuchtes Abenteuer. Das Abenteuer hieß in diesem Fall Schafe kontrollieren und umsetzen, wenn nötig mit schwimmenden Hunden. Schlüssel rein und los. Los? Nochmal, Schlüssel drehen und los? Warum höre ich nicht den geringsten Ton? Eigentlich sollte doch an dieser Stelle, mein alter Diesel eigenwillige, laute Geräusche von sich geben. Bitte nicht schon wieder, dachte ich. Alle weiteren Versuche schlugen ebenfalls fehl und nun war ich an einem Punkt angelangt, an dem in mir der Gedanke hoch kroch, dass ich doch besser im Bett liegen geblieben wäre. Wie auch immer ich das anstelle, ich musste zu den Schafen. Kurze Überlegung: das Auto springt nicht an, Werkstatt dauert zu lang, Freundin für drei Tage bei Ihren Eltern, Nachbar nicht zu Hause und meine Schwester wohnt fast 500 Kilometer entfernt.

Alles in allem, läuft es heute mal wieder traumhaft.

Was solls, Bilderbuch kann jeder. Was waren also noch für Optionen offen? Dabei habe ich das Wieder-schlafen-gehen ausgeklammert   …obwohl ich für einen kurzen Moment nochmal darüber nachgedacht habe. Taxi geht nicht, zu teuer und echter Unsinn. Laufen zu weit, aber was ist mit Fahrrad? Falls sich die himmlischen Schleusen ganz schließen, wäre dies zumindest auch eine Variante. Vielleicht fällt mir ja doch noch was Un-anstrengenderes ein. Busse fahren nicht, denn es ist Sonntag. Weshalb heißt der Tag eigentlich Sonntag? Für alle  Geschichts-Muffel: Die alten Germanen widmeten den ersten Tag der Woche ihrer Sonnengöttin Sunna, der im Laufe der Zeit  unser geliebter Sonntag wurde. Das ist ja alles schön und gut, hilft mir aber auch nicht.

Zähneknirschend entscheide ich mich für das Fahrrad. Hunde wieder ins Haus, Luft aufgepumpt und los. Mit dem Auto waren meine Schafe gleich um die Ecke, aber mit dem Fahrrad bekommt man auf das Thema Entfernung einen ganz anderen Blickwinkel. Der Regen hatte zwar ein Einsehen, aber sein zänkischer Bruder Sturm war noch kräftig bei der Arbeit. In Nienburg haben wir zwar viele tolle Radwege, aber bei extremen Gegenwind denkt man doch schon mal über ein Taxi nach. Aber nein, ich kämpfe mich im Angesicht der brutalen Naturgewalten durch und leiste Heldenhaftes, immer begleitet von herzhaften Flüchen. Nach einer gefühlten Drei-Tages-Rad-Tour, stehe ich dann endlich mit dem Drahtesel vor meinem Schafstall. Die Damen müssen umgesetzt werden, ein neuer Heuballen aufgeschnitten und den Zaun so umbauen, dass sie auch von ihrer Freifläche freien Zugang haben. …und die zwei abgeschälten Bäume vielen mir erst später ins Auge.

Alle Arbeit war erledigt und alle Damen versorgt, so dass ich mich wieder auf mein Reisegefährt schwingen konnte, um Richtung Heimat zu strampeln. Eigentlich fahre ich ja wirklich gern Rad, aber zu Arbeitszwecken und bei einem echt mies gelaunten Wetter-Gott macht die Sache keinen Spaß. Diesmal hatte ich Rückenwind, so dass ich geschwind voran kam. Eine Abkürzung führte mich vom Radweg ab in etwas unwegsameres Gelände, aber dafür durch wunderschöne Wiesen und in einen traumhaften Mischwald.

Als ich dann im Wald stand, fern ab von allem Getöse und das gleichmäßige Rauschen in den Baumwipfeln hörte, hatte ich einen Augenblick das Gefühl schwerelos und wirklich frei zu sein. Ohne Last. Es war der Klang des Lebens, der sich genauso bereits vor Millionen Jahren über das Land verbreitet hat und dem es egal ist, wer da gerade auf der Erde nach Futter sucht. Vielleicht ist es auch nur das Gefühl, für einen Moment mit der Natur wieder verbunden zu sein, was uns in den wenigen Entwicklungsjahren bereits verloren gegangen ist  – wir aber unbewusst vermissen.

Der Klang des Lebens /Schaf-Land /H.P.Schaarschmidt

Der Klang des Lebens /Schaf-Land /H.P.Schaarschmidt

Nachdem man so einen schwerelosen Moment erlebt hat und dann wieder hart auf den Tatsachen unserer selbst gebastelten Realität aufgeschlagen ist, stellt sich fast automatisch wieder die Frage aller Fragen: Was ist der Sinn des Lebens?
Fragt einen studierten Philosophen ganz ernsthaft nach dem Sinn des Lebens und ihr werdet erleben, wie er nach einem dreitägigen Dauervortrag bewusstlos zusammenbricht, da er keine Zeit hatte etwas zu trinken. Gerade die Gilde der Philosophen hat sich mehr als nur ausgiebig mit einem Thema seit tausenden von Jahren beschäftigt, das wir nicht verstehen. Am Ende steht dann doch immer wieder die quälende Frage: Was ist der Sinn des Lebens? Nach Höherem zu streben? Anerkennung, Arbeit, Liebe, Geld oder Erfolg? Mit diesem Thema haben sich schon viele schlaue Menschen beschäftigt und ihre Theorien füllen bereits tausende und abertausende Seiten, doch jede Theorie besagt im Grunde immer das Gleiche: Ich habe keine Blassen Schimmer. Einiges ist jedoch bereits sicher, unser Platz im unendlichen Universum ist nicht reserviert worden damit wir viel Geld scheffeln, eine Machtposition erlangen oder freundlich zum Nachbarn sind. Nein, dafür nicht. Auch die tausend kleinen Alltagsdinge und vielen fiesen Gehässigkeiten sind unser Werk, die haben wir uns selbst ausgedacht und bestimmen sogar unser Leben. Doch überraschender Weise kommen wir mit dieser Selbsterkenntnis der Lösung den ersten Schritt näher. Zwischen all den philosophischen Sätzen die brutale Frage: Was ist der Unterschiet zwischen Mensch und Hai?

Antwort: Dass der Hai im Wasser lebt, wir auf dem Land und
natürlich auch viel klüger sind?

Falsch!

Dass der Hai schon 100 Millionen Jahre vor den Dinosauriern lebte, gerade die Menschen-Zeit durchsteht und in 100 Millionen Jahren, wenn es uns schon lange nicht mehr gibt, auch noch seine Bahnen ziehen wird. Das ist der Unterschied. Es geht einfach nur ums Überleben. Alles was wir daraus machen, ist unser Werk. Es wird uns entweder zum frühen Ausscheiden bringen, oder unsere Zeit verlängern. Neid, Hass, Habgier oder all die anderen vielen Nettigkeiten tragen eher dazu bei, das wir nicht im Zeitalter der super Individualisten leben, auch Neandertaler, sorry  Menschen genannt, sondern nur in einem kurzen Abschnitt. Falls nun jemand auf den Gedanken kommt, dass sich dies alles ziemlich verrückt anhört, dann reden wir doch einmal kurz über unsere Welt-Religion mit 2,2 Milliarden Gläubigen. 2,2 Milliarden ist eine Zahl mit 12 Stellen hinter dem Komma.  2.200.000.000.000.
Da gibt es jemanden, der nicht nur die Erde, die Natur und uns Menschen innerhalb einer Woche erschaffen hat, sondern zum Schluss  – dem Mann auch noch eine Rippe entfernt hat, um daraus eine Frau zu basteln  – damit er nicht allein auf der Erde wandelt.  Das nenne ich verrückt. Wir sind nicht die Krönung der Evolution und erst recht nicht irgendeiner Schöpfung, sondern nur ein winziger Teil von einem Ganzen, welches wir nie verstehen werden. Das ist alles und wenn wir Momente erleben, in denen wir das Gefühl haben, ein Teil dieses Ganzen zu sein und nicht der viel gepriesene Individualist, eröffnen sich plötzlich ganz neue Welten. Leider kann man diesen Zustand nicht erklären, sondern nur erleben und wahrnehmen. Ein gleichmäßiges Rauschen in  den Wipfeln hat mich dazu gebracht, genau dies zu fühlen. Warum? Ich weiß es nicht, aber irgendetwas muss ja in uns schlummern, wenn wir Gefühle erleben, die uns zum Teil des Ganzen machen  – wenn auch nur für einen kleinen Augenblick.

Heute habe ich den Klang des Lebens gehört und
für einen Augenblick hatte ich alle Zeit der Welt.

 

 

 

Schlimmer geht’s immer

Es ist 22 Uhr,  im Fernsehen läuft so ganz nebenbei Dr. House und vor mir steht mein aufgeklappter Laptop. Während ich über das vergangene Wochenende nachdenke, das mal wieder mit einem Feuerwerk der Ereignisse gespickt war, fallen mir 1000 Dinge ein. Eigentlich grenzt es fast schon an ein Wunder, dass sich alles doch noch wie ein verrücktes Puzzle zusammengefügt hat. Drei Tage Border Collie Show mit Bianca, auf einer Burg in Thüringen. Hört sich doch eigentlich ganz entspannt an, dachte ich.

Mittwoch
Dieses Abenteuerwochenende fing schon jetzt an. Der Meister aller Überraschungskünste PAN, stand an diesem Tag sicher schon hinter einem Baum und beobachtete mich mit einem fiesen Grinsen im Gesicht. Zunächst stand Anhängerladen auf dem Programm, neues Stroh für die Schafe, Weidegerät, Pferch und die Tontechnik. Dann setzte sich eine Kette von Ereignissen in Gang, an die ich mich noch lange erinnern werde. Auch wenn der Beginn der wundersamen Erlebnisse als keine so große Sache daher kam, so war er dennoch der Auftakt zu Dingen, die keiner haben will- außer man liebt böse Überraschungen.

Nachdem die ersten Erlebnis-Reiseartikel verstaut waren, setzte ich kurz den Anhänger um, denn das frische Stroh war am anderen Ende meines Stalls. Dumm nur, dass sich die 50 Meter Geflügelnetz am Anhänger verfingen und ich es beim Überfahren völlig verknotete. Falls jemand schon mal versucht hat, ein hartnäckig verknotetes Netz zu entwirren, der kann erahnen, was ich da nun auf die Schnelle wieder sortieren wollte. Unmöglich. Nach dem Schreck drehte ich am Zündschlüssel, um das Netz wieder frei zu bekommen, aber… nichts. Mein Auto gibt keinen einzigen Ton von sich, es hat sich in den Ruhestand verabschiedet- zumindest in den vorzeitigen Feierabend. Hey mein Freund, wir haben schon so viel zusammen erlebt. Ich habe dich versorgt und du hast mir steht’s treu zur Seite gestanden, aber heute magst du einfach nicht mehr. Wie kann ich dir helfen?

Als erstes habe ich den Auto-Ganz-Macher angerufen, einen Freund aus der Autowerkstatt. In der Zwischenzeit stand das verknotete 50 Meter Netz auf meinem Programm. Wenn ich mich dazu entschließe, ein so übel zugerichtetes Netz nicht weg-zu-werfen, sondern zu entwirren, arbeite ich nicht mit dem Messer, sondern möchte es im Stück erhalten. Ich sage nur, nichts für schwache Nerven und der berühmte Geduldsfaden muss eigentliche ein armdickes Stahlseil sein.

Nach einer aufregenden Stunde und tausend Kämpfen mit dem Netz, aber vor allem mit mir, bog der Wagen des Auto-Profis um die Ecke. Kurze Begrüßung und Lagebesprechung, dann die schnelle Diagnose: Deine Batterie ist leer, aber die eigentliche Frage ist warum? Ich vermute es liegt an der Lichtmaschine. Nach kurzem Durchmessen stand es fest, meine Lichtmaschine hatte Fehlfunktionen und Aussetzer. Ein Profi hat natürlich immer eine Ersatzbatterie zur Hand, die er sofort einbaute, mir aber auch den eindringlichen Rat gab: Jetzt kannst du erst mal weiter arbeiten, die Lichtmaschine kann jederzeit komplett ausfallen, am besten du kommst morgen früh in meine Werkstatt. Schnelle Hilfe, guter Ratschlag, nur schlecht, dass mein Arbeitsplan am nächsten Tag bereits bedenklich voll war und im wahrsten Sinne des Wortes aus allen Temin-Nähten platzte.

Steffen Krop verabschiedete sich, natürlich nicht ohne den nochmaligen dringlichen Hinweis: Bis morgen. Ich sehe mal, wie ich es schaffe, war meine Antwort und machte mich mit flinken Fingern sogleich wieder daran, das verunglückte Netz zu ordnen, um anschließend nochmals alle Schafe abfahren zu können. Eigentlich wollte ich doch nur in Ruhe den Anhänger vorbereiten und dann ist ein Wettlauf gegen die Zeit daraus geworden. Die Sonne bereitete sich um diese Uhrzeit bereits auf den Feierabend vor. Es war spät geworden, als ich zu Hause eintraf. Eine Aufgabe war noch nicht erledigt, die Vorbereitung auf die Pressekonferenz am nächsten Morgen in Oldenburg. Dies war der Mittwoch und ich war froh, doch noch alles unter den berühmten Hut bekommen zu haben, obwohl sich ein seltsames Gefühl einschlich, dass ich nicht genau definieren konnte, aber es war da. Weg mit den trüben Gedanken, was sollte schon passieren. Zu einer Pressekonferenz eingeladen zu werden, bei der auch mir viele Pressevertreter zuhören, ist doch was Positives und macht Spaß. Das seltsame Gefühl hatte sich aber fest eingenistet und begleitete mich ganz heimlich bis in den Schlaf.

Donnerstag
Neuer Tag, neues Glück. Schon beim ersten Augenaufschlag lachte die Sonne durch das Fenster und ich sprang voller Tatendrang aus den Federn. An diesem Tag hatte ich viel vor. Nachdem Hunde und Enten versorgt waren, galt es, mich ansehnlich herzurichten, was an sich schon eine Herausforderung darstellte. Sämtliche Pressevertreter des westlichen Niedersachsens sollten anwesend sein. Da möchte man doch nicht wie ein schräger Waldkautz daherkommen. Trotz größter Bemühungen- war mein Erscheinungsbild nur mäßig gelungen. Bei einem schnellen Kaffee ging ich, natürlich voll konzentriert, den Tagesplan in Gedanken durch:

  • 09 Uhr Abfahrt Oldenburg
  • 11 Uhr Pressekonferenz
  • 13 Uhr Rückfahrt nach Nienburg
  • 14 Uhr Tiere laden Hunde /Schafe /Enten
  • 15 Uhr Abfahrt nach Thüringen
  • 15 Uhr- 19 Uhr /Autobahn
  • 19 Uhr Tiere unterbringen
  • 20 Uhr Aufbau
  • 21 Uhr Hotel

Leben ist das, was passiert, während man etwas anderes plant.

Bis zur Pressekonferenz verlief alles nach Plan. Sie war sogar besser, als ich erhofft hatte. Freundliche Begrüßung, netter Gastgeber, tolles Büffet, viele Pressevertreter und ich konnte ausführlich von meiner Arbeit und unserer Border- Collie- Show berichten. Die Stimmung war gut, Fragen kamen zur bevorstehenden Veranstaltung reichlich und die eingeplante Zeit war an diesem Tag für niemanden interessant, außer für mich. Nicht dass dies einer falsch versteht. Es machte mir großen Spaß und es war eine Ehre, eingeladen worden zu sein, aber ich musste noch zu einem Schloss in Thüringen. Nach der Pressekonferenz kam das Fotoshooting. Alle bitte nach draußen und Aufstellung nehmen. Dann folgten die Anweisungen der Profis: sie bitte weiter nach vorn, sie bitte weiter in die Mitte, alle etwas mehr zusammen, sie bitte…

Zwei Fronten standen sich freundschaftlich gegenüber, auf der einen Seite die komplette Truppe des Veranstalters mit mir und den Hunden, auf der anderen Seite- das Heer der Fotografen. Heer ist vielleicht doch etwas übertrieben, aber verdeutlicht eine gefühlte Übermacht.

Unterwegs mit Schaf-Land und H.P.Schaarschmidt

Unterwegs mit Schaf-Land und H.P.Schaarschmidt

Alle Bilder waren geschossen und die letzte Hand geschüttelt, dass hieß für mich, Tiere laden und ab nach Hause. Mein Zeitplan war etwas durcheinander, aber passte noch. Die Enten in ein extra abgetrenntes Abteil im Anhänger packen, die Schafe bringen die Hunde in ihr Mobilhome und zum Schluss kommen die Hunde mit ins Auto. Klappt fast immer perfekt, denn wir sind ja ein eingespieltes Team. Unsere Aufstellung sah wie folgt aus:  May schickte ich hinter die Schafe, Abby stand auf der einen Seite des Anhängers und ich auf der anderen. Hilfsmittel wie Gatter oder andere Absperrungen brauchten wir nicht. Netze auf und los. Die Hunde May und Abby haben alles richtig gemacht, nur ich habe mich zu früh von meinem Posten wegbewegt, so dass die schlauen Damen schnell eine Lücke zwischen Anhänger und mir erkannten, um auf das dahinterliegende prächtige Grün zu gelangen. Erkannt und getan, sie galoppierten vorbei. Das ist jetzt nicht euer Ernst, war mein Gedanke. Also alles wieder auf Anfang und diesmal verhielt ich mich nicht wieder voreilig, sondern habe meinen Posten standhaft verteidigt. Alle Tiere waren verladen, der Tank bis zum Rand gefüllt, also konnte es endlich losgehen. Auf nach Thüringen.

Nun hatte ich vier Stunden Autobahnfahrt vor mir. Vielleicht etwas langweilig, aber in solchen Situationen denke ich über all meine Aktivitäten gern auch mal tiefgründiger nach und manchmal ist das gemächliche Dahinrollen sogar entspannend. Die elektronische Fahrtenhelferin zeigte nur zwei unproblematische Baustellen an, keinen Stau, so dass mein Tagesplan, trotz Verspätung, doch noch klappen könnte.

Nach vierzig Minuten Landstraße fuhr ich in Hannover auf die Autobahn. Der Verkehr wurde zwar dichter, aber kein Problem  …dachte ich. Der Verkehr wurde immer langsamer, bis wir ganz zum Stehen kamen. Da berichteten sie im Radio auch schon: Stau auf der A2 nach einem Unfall in  der Baustelle bei Herrenhausen. Da fahre ich gerade mal eine halbe Stunde und stehe auch schon im Stau. Das passt ja heute besonders gut und meine Ruhe vom gemächlichen Dahinrollen war schlagartig verflogen. Unglaublich, da bin ich gerade mal dreißig Minuten unterwegs, fahre auf die Autobahn und stehe sofort im Stau. Vollgepackt bis unters Dach mit Netzen, Zubehör, Tontechnik, Hunden, Schafen und Enten, auf dem Weg nach Thüringen, aber wir stehen gleich am Anfang im Stau. Bereits gestern dachte ich, was kann noch Schlimmeres kommen, doch:
Schlimmer geht`s immer.

Falls nun jemand meint, was für ein Pech, der hat Recht. Dies war aber nur ein laues Lüftchen, zu dem was da noch kommen sollte. Ein Tornado war im Anflug. Nach fünfundvierzig Minuten löste sich der Stau langsam auf, zumindest ging es Stück für Stück weiter, bis unser Tross allmählich wieder Fahrt aufnehmen konnte. Na prima, wieder eine Stunde verloren. Jetzt werde ich nicht mehr im Hellen mit den Arbeiten fertig, sondern muss mit dem Mond als Beleuchtung Vorlieb nehmen. Nur im schwachen Scheinwerferlicht die Damen bewegen, ohne dass man die Hunde sehen kann, das grenzt schon fast an ein Kunststück. Nein, das ist ein Kunststück. War ich glücklich, dass die Reise weitergehen konnte und begann mit Überlegungen, wie ich das ganze Geschehen im dunklen organisieren wollte. Die Tiere waren ruhig, ich gelassen und der Wagen schnurrte über die Autobahn. Genau so sollte es sein.

Dieses Glücksgefühl dauerte ganze zwanzig Minuten. Dann leuchtete im Armaturenbrett etwas auf, das- was keiner von uns gern auf langer Fahrt sehen möchte, die Motor-Stör-Leuchte. Gleich danach blinkte die Batterie-Warn-Leuchte auf und der Motor verlor im selben Moment an Leistung, gefolgt von Aussetzern in der Zündung. Panik kroch in mir hoch.

Die Zündung hatte ein Einsehen und fing sich wieder, aber der Leistungsverlust machte mir mehr als nur Kopfzerbrechen, denn wir waren vollgepackt bis in die letzte Ecke. Eine dunkle Vision folgte, sollte sich die Lichtmaschine verabschiedet haben, so dass auch die Batterie leer ist und nun alle Steuerelemente ausfallen? Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf, aber dann war es auch schon so weit, der Motor kollabierte und gab kein Lebenszeichen mehr von sich.

Ich befand mich gerade kurz vor einer Tankstelle und rollte noch mit letztem Schwung auf deren Freifläche.  Endstation.

Ich stieg aus.

Denk nach, was machst du als erstes.

Natürlich nach den Tieren sehen und dann?  …und dann fiel mir der Rat meines Mechanikers ein, komme in die Werkstatt, deine Lichtmaschine kann jederzeit komplett ausfallen. Herzlichen Glückwunsch, ist passiert. Da stand ich also wieder, vollgepackt und natürlich auch wieder mit Hunden, Schafen und Enten. Niemand baut mir heute Nacht eine neue Lichtmaschine ein und überhaupt, was mache ich mit meinen Tieren? Glück im Unglück, ich bin im ADAC. Nach meinem ersten Panikanfall, beruhigte ich mich, holte einen Klappstuhl aus dem Anhänger, ich bin ja immer voll ausgerüstet, mache es mir bequem und suchte die Nummer der Gelben Engel.

Obwohl es mit riesen Schritten dem Abend zuging, war es noch immer heiß. Ich stand mit meinem Gefährt am Rande der Tankstelle, hatte durch Zufall einen Schattenplatz erwischt und richtete mich schon auf eine lange Nacht ein. Nur noch mal zur Erinnerung, ich bin keine hundert Kilometer weit gekommen, aber bereits einige Stunden unterwegs, bin mit Mann und Maus gestrandet und stehe am Rand einer Autobahntankstelle. Der Veranstalter, zu dem ich unterwegs war, hatte für seine drei Tagesveranstaltung kräftig Werbung gemacht, natürlich auch für uns und die Hotelzimmer wurden lange im Voraus gebucht. In den letzten Jahren ist dies bereits die dritte Autobahn Katastrophe. Vor drei Jahren nachts auf der Autobahn Richtung Sauerland, dieses Jahr in Österreich und jetzt wieder auf dem Weg nach Thüringen. In allen drei Fällen, genau wie heute, vollgepackt bis unter das Dach und immer mit Hunden, Schafen und natürlich auch Enten. Ich sollte also langsam Erfahrung und eine gewisse Routine darin haben. Über das Autobahn Chaos im Sauerland, habe ich ja schon in meinem Buch Tiergefährten geschrieben, das Drama Österreich steht in meinem Buch Beste Freunde (was demnächst erscheint und unglaubliche Kurzgeschichten enthält). Dieses Desaster belasse ich in meinem Blog, sonst könnte ich irgendwann einmal  nur etwas über Dramen auf der Autobahn schreiben. Titel: Autobahn –willkommen im Chaos.

Unterwegs mit Schaf-Land und H.P.Schaarschmidt  Schaf-Land.de

Unterwegs mit Schaf-Land und H.P.Schaarschmidt Schaf-Land.de

Guten Tag, meine Name ist Peter Schaarschmidt, ich möchte eine Autopanne melden. Einen Moment bitte. Guten Tag, wo stehen Sie? Ich stehe auf der A7 bei Hildesheim in Richtung Göttingen, der Tankstelle Hildesheimer Börde.  Herr Schaarschmidt, ich habe ihre Nummer und ihren Standort notiert, wir rufen sie gleich zurück. Bei den ersten beiden Autobahn-Abenteuern hatte ich immer mit der Aussage des ADAC`s  zu kämpfen: Wir kümmern uns darum, aber Tiere transportieren wir nicht. Dies ist doch genau der Satz, den man nachts auf der Autobahn, mit einem Gefährt voller Tiere, hören möchte. Nun wartete ich also. Auf was?  Auf eine kleine Portion Glücksgefühle und den Anruf des ADAC. Nach meinen einschlägigen Autobahn-Erfahrungen, machte ich mich daran den Stellplatz in mein Heim zu verwandeln, denn es waren Geduld, gute Nerven und vermutlich eine lange Nacht angesagt. Natürlich schoss mir auch hier wieder eine Frage durch den Kopf: Passieren eigentlich immer nur mir solche Katastrophen? Nach langer Überlegung kam ich dann zu dem beruhigenden Schluss, ich reise mit meiner Karawane wirklich extrem viel umher …nur auf dem Sofa passieren keine Überraschungen. Vom schlechten Fernsehprogramm mal abgesehen, dass überraschend immer noch schlechter werden kann. Da meine Situation nun mal so war wie sie war, richtete ich mich ein.

Nun begann die erzwungene Reise-Pause und den Vorbeifahrenden stand die Verwunderung deutlich ins Gesicht geschrieben. Ich habe sogar darüber nachgedacht, Netze zu stecke um meine Damen weiden zu lasse. Nachdem ich es mir bequem gemacht hatte, startete meine Telefonitis. Freunde waren entsetzt, meine Freundin schockiert und der Veranstalter alles andere als begeistert. So plätscherte der Tankstellen-Aufenthalt dahin. Der Abend hatte Einzug gehalten, der Tankstellenbetreiber brachte mir Getränke, ich versorgte die Tiere und erste Gäste trafen ein.

Unterwegs mit Schaf-Land und H.P.Schaarschmidt

Unterwegs mit Schaf-Land und H.P.Schaarschmidt

Ihr habt richtig gelesen, Gäste! Mein Autobahn-Desaster hatte sich schnell herumgesprochen und da ich noch nicht weit gekommen war (bei Hildesheim auf der A7), trafen Freunde und Bekannte ein. Wäre der Anlass nicht so ernst gewesen, hätte man viel Spaß haben können. Aber nein, die Weltverschwörung hatte beschlossen, mir nicht nur den Tag, sondern gleich das ganze Wochenende zu vermiesen. Also kam es wie es kommen musste, mein Auto stand mal wieder auf einem Abschlepper und mein Pferdeanhänger hinten dran. Beim Aufladen hatte ich so ganz nebenbei erfahren, dass die beiden rettenden Gelben Engel erst 2 Tage beim ADAC arbeiteten, was wohl auch ihre ratlosen Augen erklärte, als sie versuchten die Auflade-Technik in Gang zu setzen.

Ich habe kurzzeitig darüber nachgedacht, für den Abschlepper einen Abschlepper zu holen, denn sie waren offensichtliche Anfänger, ohne die Last von lästigem Wissen. Schlimmer geht’s halt immer.

Unterwegs mit Schaf-Land und H.P.Schaarschmidt

Unterwegs mit Schaf-Land und H.P.Schaarschmidt

Während die fast Profis mit der Technik kämpften, stellte sich aber die Frage: Was nun? Tiere bis unters Dach und der Veranstalter wartete auch auf meine Anreise. Dann kam einem der zahlreichen Besucher die zündende Idee: Ich arbeite unweit von hier in einer KFZ Werkstatt, du könntest mit unserem Firmenwagen weiterfahren. Gesagt getan. Wir fuhren vorweg und die tapferen Gelben Engel hinterher. Dann ging alles sehr schnell. Auto abstellen, umladen und schon konnte es weitergehen. Da es bereits dunkel war, ich aber noch viele Kilometer zu fahren hatte, lief mir ein leichter Schauer über den Rücken, denn die Ankunftszeit bewegte sich Richtung  2 Uhr (natürlich nachts). Nachts im Schlosspark abladen, aufbauen und Tiere im Dunkeln umsetzen, das wird der krönende Abschluss einer abenteuerlichen Anreise.

So kam es dann auch. Nur dass ich nicht 2 Uhr im Schloss ankam, sondern wegen einer
Autobahn-Nacht-Baustelle erst 3 Uhr.

Schlimmer geht`s immer.

 

Weihnachtsgrüße an alle Border Collie Besitzer, Hunde Liebhaber und Natur-Freunde

Weihnachtsgrüße an alle Border Collie Besitzer, Hunde Liebhaber und Natur-Freunde.

Weihnachtsgrüße an alle Border Collie Besitzer, Hunde Liebhaber und alle Natur-Freunde

Weihnachtsgrüße an alle Border Collie Besitzer, Hunde Liebhaber und Natur-Freunde

Achtung Lebende Tiere – Was für eine Heuchelei.

Es ist 8.30 Uhr am Sonntagmorgen. Ich habe heute etwas länger geschlafen als sonst, aber nun bin ich auf dem Weg zu meinen Schafen. Die Hunde, hinten im Auto, sind voller Tatendrang und ich gehe im Kopf schon mal den Plan für den Tag durch. Im Radio läuft gerade ein Titel von Michael Jackson, als vor mir ein großer Lastzug auftaucht. Ich komme näher und erkenne einen Schriftzug:

Achtung, lebende Tiere.

Ich lebe auf dem Land und solche Transporter habe ich schon oft gesehen, aber heute Morgen durchfährt mich dabei ein Schock und ein Gedanke trifft mich wie ein Blitz: „Wie mögen sich die Tiere wohl  fühlen?“ Dann kommt mir sofort ein zweiter Gedanke und ich stelle mir die Frage:  „Was ist denn heute anders?“ An diesem Sonntagmorgen irritieren mich meine eigenen Fragen. In meinem Kopf muss über Nacht ein Schalter umgelegt worden sein, denn die zur Schlachtung transportierten Tiere bereiten mir fast Schmerzen. Ich habe das Gefühl, als könne ich ihre Verzweiflung spüren.

„Verzweifelte Tiere“? Das würde ja bedeuten, dass diese vierbeinigen Tiergefährten viel mehr wahrnehmen und erfassen, als ich mir jemals gedacht habe. Ehrlich gesagt, kann ich die Gedanken und Gefühle für mich in diesem Moment nicht einordnen. Natürlich bin ich sehr naturverbunden und selbstverständlich spielen Tiere in meinem Leben eine sehr große Rolle, aber ein so überwältigendes Gefühl beim Anblick eines Tiertransporters?! Ich bin verwirrt.

Tiertransporter zum Schlachthof - Nach der Massentierhaltung fast eine „Erlösung“

Tiertransporter zum Schlachthof – Nach der Massentierhaltung fast eine „Erlösung“

Fast wie ein Blitz durchzucken mich Bilder von üblen Massentierhaltungen und diese Bilder machen diesen Moment nicht leichter. Ist es tatsächlich möglich, dass viele Menschen dieses Elend nicht im Geringsten kümmert? Hat ein Großteil der Bevölkerung ihre ethischen Werte für Euros verkauft? Lassen sie für Geld wirklich alles zu? Vermutlich lautet die Antwort: „Ja.“

Eine kleine Hoffnung bleibt, damit die Menschheit und die Menschlichkeit nicht völlig im Erfolgs- und Gewinnmaximierungswahn untergehen. Wir müssen unsere Hoffnung in die Träumer und die Idealisten setzen, die uns Rettung bringen können. Sie können das Licht am Ende des Tunnels sein, denn was bleibt schon übrig, wenn bei einem Gewinnmaximierer der Gewinn ausbleibt? Nichts! Den Idealisten bleibt alles, oder sagen wir lieber fast alles. Egal, ob Schafzüchter, wie ich es einer bin, der seine komplette Freizeit investiert, um eine kleine Herde von 120 Scottish Blackface zu halten, oder Jung-Landwirte, die Freiland -Schweine züchten.

Der Lastzug  „Achtung, lebende Tiere“  – er fährt noch immer vor mir.

Soll ich das Fahrzeug stoppen und die Tiere befreien? Ich bin mir sicher, dass das nicht einer meiner besten Einfälle wäre, aber was kann ich sonst tun? Dass wir alle kein Fleisch mehr essen, wäre z. B. eine logische Konsequenz, um Tierleid zu verhindern.

Hilft aber den zu transportierenden Tieren leider nicht wirklich.

Eine von vielen Möglichkeiten, die gar nicht so schwierig ist, wäre: Konsequente, artgerechte Freilandhaltung, bei der es Freude macht, dass treiben zu beobachten.

Konsequente, artgerechte Freilandhaltung   www.Schaf-Land.de

Konsequente, artgerechte Freilandhaltung www.Schaf-Land.de

Einige kennen solche Bilder gar nicht mehr.

Konsequente, artgerechte Freilandhaltung

Konsequente, artgerechte Freilandhaltung

Als ich vor den Weiden der Freiland-Schweine stand, kam in mir ein Glücksgefühl auf, denn so ausgelassen wirkende Schweine hatte ich bis dahin noch nie gesehen. Natürlich wird das Fleisch bei einer solchen Haltung teurer. Aber was wäre bei steigender Bevölkerungszahl sonst die Alternative?
Vermutlich noch intensivere „Fleisch-Fabriken“ und das möchte ich nicht.

Achtung, lebende Tiere – Was für eine Heuchelei.

Tiertransporter zum Schlachthof - Nach der Massentierhaltung fast eine „Erlösung“

Tiertransporter zum Schlachthof – Nach der Massentierhaltung fast eine „Erlösung“